Buntes Hannover – So geht es der queer Community in unserer Stadt

Gleichzeitig Stigmata und gesellschaftliche Zwänge ablegen. Die vermeintlichen Grenzen zwischen den Geschlechtern durchbrechen. Entfesselt und von den klassischen Geschlechterbildern entkoppelt, bewegt er oder sie sich vollkommen frei. Diese Freiheit wird nun beschnitten durch die (fehlende!) Toleranz einzelner. Bis zum heutigen Tag sehen sich Männer und Frauen beim Spiel mit Geschlechterrollen Diskriminierung, Anfeindungen und Schlimmerem gegenüber.

Als moderne, weltoffene Gesellschaft steht jedoch jeder einzelne von uns in der Pflicht und auch dem Anspruch, sich jeden Tag aufs Neue zu entdecken und zu entfalten. Die persönliche Selbstentfaltung ist ein zentraler Bestandteil unserer Demokratie und der Persönlichkeitsrechte. Geschmäcker mögen verschieden sein – jedoch endet die Meinungsfreiheit an dem Punkt, wo sie zur Verunglimpfung oder Beleidigung anderer Individuen führt.

Wir möchten ein paar Stimmen zum Thema queer community und dem Leben hier vor Ort abbilden. Wir von Cityglow begreifen Hannover und unsere Region als einen Ort der Offenheit und Toleranz. Politik, Unternehmen und Zivilgesellschaft haben während der Coronakrise und im Besonderen dem Shutdown in unzähligen Support-Aufrufen und Aktionen den unglaublichen Zusammenhalt der Menschen gezeigt.

Ein persönlicher Kommentar von Greta Garlich, 24 Jahre alt, lebt in Hannover und hat hier auch eine eigene queere Partyreihe veranstaltet. Sie ist ehrenamtlich aktiv als Sprecherin von QueerGrün Niedersachsen und der Dachstruktur QueerGrün auf Bundesebene sowie Vorsitzende der Grünen in Hannover.

„Wer Hannover kennt, weiß die vielen versteckten Vorzüge dieser Stadt zu schätzen. Sie ist bei vielen als grau und trist verkannt und ihre bunte Seite kennen nur wenige. Doch über eine dieser bunten Facetten Hannovers möchte ich heute schreiben und sie euch näherbringen. Es sind nicht die farbenfrohen Häuserwände, kein schöner Park und kein glänzend lackiertes Auto. Sie liegt in den Menschen, die hier wohnen. Wir machen unsere Stadt aus.

Die queere Community ist Teil unseres städtischen Lebens, und doch sehr unsichtbar. Das ändert sich einmal pro Jahr, wenn wieder Christopher Street Day, kurz CSD, ist und alles in Regenbogenfarben erstrahlt. Ansonsten wissen die meisten doch herzlich wenig über das Leben als Teil der queeren Community. Ich möchte euch mitnehmen auf eine Entdeckungstour, wie eine junge, queere Frau das Leben hier wahrnimmt und was ihre Erfahrungen sind. Meine Erfahrungen. Hannover ist bunt und vielfältig!

Queere Partys sind ein Erlebnis für sich: Innerhalb einer Gesellschaft, in der wir immer noch nicht gleichgestellt und akzeptiert sind, tauchen die Gäste in eine bunte Welt ein, in der wir einfach sein können, wie wir sind. Und wir feiern uns dafür. Endlich ein Ort, an dem ich mich nicht schutzlos den billigen und einschüchternden Anmachen von schrägen Typen ausgesetzt fühle. Hier kann ich unbeschwert feiern und mich sicher fühlen. 

Was sich aber wirklich noch bessern könnte, ist die Anzahl an Frauen in queeren Räumen! Gegen diese Unsichtbarkeit, die fehlende Vernetzung und das kleine Angebot müssen wir eintreten. Niemand sollte mit diesem Gefühl des Alleine-Seins klarkommen müssen. Wir brauchen, so wie alle Menschen, die Möglichkeit zum Austausch. Wir wollen über unsere Erfahrungen reden, uns zugehörig fühlen, und mit anderen Menschen reden, die uns verstehen.

Das findet aktuell hauptsächlich im politischen Bereich oder im Beratungsbereich statt, und da gibt es großartige Angebote! Neben den Angeboten des queeren Jugendzentrums QueerUnity oder des Andersraum bieten Parteien meist eigene queere Gruppen, in denen über Queerpolitik beraten wird. Auch Gruppen wie der Dyke* March Hannover sind überparteilich politisch aktiv. Ich möchte aber nicht immer nur kämpfen müssen. Ab und zu will ich auch einfach mal das Kämpfen sein lassen und den Ballast loslassen, den das Leben als Frau mit sich bringt, die Frauen liebt. 

Während in Polen, Ungarn und auf der ganzen Welt Regierungen und Religionen unsere Existenz als falsch und unwürdig erachten und uns unsere Rechte nehmen wollen, nehmen auch in Deutschland die Angriffe wieder zu. Mir ist zum Glück noch nichts passiert, aber manchmal habe ich Angst, dass Sprüche zu Taten werden. In stillen Momenten gehen mir die vielen ekelhaften Blicke und Worte durch den Kopf, und ich schwanke, ob ich mich hilflos fühle oder wütend. Meistens beides. Corona und die Isolation hat unsere Vernetzung in den digitalen Raum verlegt und macht es noch schwerer. Die Suizidrate unter queeren Menschen ist sowieso schon höher als bei der Restbevölkerung. Für die Zukunft wünsche ich mir, dass wir unsere Vielfalt wieder mehr feiern, denn wir können so viel voneinander lernen! 

Wir brauchen Angebote, wir brauchen uns, wir brauchen euch. Nur so kann es weniger „euch“ und „uns“ geben und mehr „wir“. In meinem Hannover stehen wir gemeinsam und zusammen füreinander. Statt Hass und Hetze teilen wir Visionen und die Kraft des Miteinanders.“

Ein persönlicher Kommenrar von Alexander Lawiszus, Vorstand andersqueer e.V. und Geschäftsführer der Schwulen Sau.

„Ich hatte 1994 mein Coming Out und da sah die „Szene“ noch ganz anders aus. In Hannover gab es mehrere Clubs, Bars und Partyreihen die es alle heute in der Form nicht mehr gibt.

Im Zuge der Digitalisierung (Stichwort Dating Apps wie Grindr oder Gayromeo) der größer werdenden Szene in Hamburg oder Berlin und dem allgemeinen Trend nicht mehr „nur schwul“ auszugehen haben im Laufe der Jahre alle anderen Läden in der Stadt zu gemacht. Das ist allerdings nicht nur in Hannover zu beobachten, sondern auch in anderen Städten wie Köln oder Hamburg ist die Szene zusammengeschrumpft. Reine Schwule Clubs gibt es kaum noch und es konzentriert sich eher auf Partys oder vereinzelte Bars.

Die Sau hat sich immer von den anderen Läden in der Stadt abgehoben. Keine durchgestylte Party Location, sondern eher der Partykeller mit Wohnzimmer Atmosphäre. Das ist glaub ich auch das Geheimnis des Ladens. Das Ziel der Sau war, und ist es heute immer noch, einen „queeren Schutzraum“ zu bieten.

Hier stehen die trashige Transe neben der „Jung Schwuppe“ im Gucci Shirt und dem alternden „Leder Schwulen“ und feiern gemeinsam sich und das Leben.

Die Sau lebt von Vielfältigkeit und Andersartigkeit. Wir haben neben Partys immer auch ein buntes Rahmenprogramm. So gibt es beispielsweise Lesungen, kleine Konzerte, Bar Abende mit speziellen Mottos und seit vier Jahren auch eine eigene Theater Gruppe die einmal im Jahr ein Stück aufführt.

Dadurch das wir die Sau komplett ehrenamtlich betreiben, haben wir die Möglichkeit, den Laden als unseren eigenen „Spielplatz“ zu nutzen. Nicht jede Veranstaltung muss kommerziell erfolgreich sein und viele Sachen finden immer noch aus Spaß an der Sache statt.

Durch genau diesen Mix entsteht in der Sau ein fast familiäres Verhältnis. Viele Gäste sind seit Jahren Stammgäste und kommen immer wieder. Und die Leute, die das erste Mal neu zu uns kommen, sind meist begeistert und kommen ebenfalls wieder.

Im Gegenzug muss man aber auch sagen, dass sich der Laden natürlich nicht von allein am Leben hält. Programmgestaltung, Instandhaltung der Räume, administrative Büroarbeiten, Getränkebestellungen und was sonst noch alles dazu gehört, sind Aufgaben die von uns ehrenamtlich nebenbei organisiert werden müssen. Das macht es manchmal auch anstrengend und ist sehr zeitintensiv. Wie bei vermutlich allen öffentlichen Läden werden diese Dinge von der Allgemeinheit oft nicht gesehen, und es wird erwartet, dass wir den Laden geöffnet haben und Programm bieten. 

Durch Corona haben wir seit Mitte März den Betrieb eingestellt.

Zu Anfang der Corona-Zeit haben wir wöchentliche Live Streams gemacht. Diese wurden dann aber immer weniger angenommen und der Aufwand hat sich im Vergleich nicht mehr gelohnt.

Wir haben Anfang April eine Spendenaktion ins Leben gerufen, die innerhalb kürzester Zeit einen enormen Zulauf hatte. Wir konnten so Gelder generieren und damit, sowie mit unseren Rücklagen, die laufenden Kosten bezahlen. Allerdings ist auch dieser Topf nicht unendlich gefüllt, und wie es im kommenden Jahr weiter gehen soll ist aktuell noch fraglich. Da wir im Januar unseren 30sten Geburtstag feiern ist das natürlich eine etwas bittere Aussicht.

Allgemein kann ich sagen, dass ich grundsätzlich mit dem queeren Leben in Hannover zufrieden bin. Natürlich kann es immer mehr geben, aber Hannover ist natürlich rein größentechnisch auch nicht mit Hamburg oder Berlin zu vergleichen. Wir arbeiten bei uns oft mit Künstlern aus eben diesen Städten zusammen, und kriegen jedes Mal das Feedback, dass wir ein großartiger Laden sind und die Künstler immer sehr gerne bei uns sind. Ist ja auch immer viel Wert und zeigt auch, dass wir uns im Vergleich mit den großen Metropolen nicht verstecken müssen.“

Vorstand andersqueer e.V.

Schaufelderstr. 30a

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