Gespräch mit Ausnahmekünstler Michael Strogies

Über die unbekannte Schönheit des Kunststoffes

Michael Strogies hat sich einen Namen als Portraitmaler gemacht. Auch kennt man seine Bilder aus zahlreichen Ausstellungen bundesweit. Bei verschiedenen caritativen Zwecken hat er Prominente gemalt und seine Bilder für den guten Zweck versteigert.

Neben dem Portraitmalen hat er immer wieder auch sogenannte Live-Paintings gemacht. Arbeitet er in seinen Malereien in der Regel sehr realistisch, so funktioniert er hier die Realität zu Malerei um.

Immer wieder hat er bei seinen Paintings auf eine Montagetechnik zurückgegriffen und verschiedene Materialien in seine Kompositionen eingebaut. Michael Strogies sagt über seine Kunst:

„Meine Arbeiten persiflieren gerne unsere Welt in ihrem Drang nach Selbstoptimierung. Wir laufen Gefahr, dass unsere Mode als Verpackung unser Selbst immer wichtiger wird als der Inhalt. Der sehr heftige Umgang mit Farbe soll dem einen Aufruf zur Phantasie entgegensetzen. Die Kombination von Models als Schönheitsideal mit dieser Art der Farbbehandlung soll sicherlich ein wenig provozieren, um danach zu faszinieren. Am Ende bleibt ein Gefühl von Freisein. Und das ist es, was Kunst erreichen sollte. “

Was als reine Parodie auf den etablierten Kunstmarkt begann, ist mittlerweile ein bewährtes Arbeitsmaterial des Künstlers. Statt klassischer Materialien wie Metall, Ton oder Marmor setzt er auf Verpackungsmaterial. Aus dem Abfall unserer Wohlstandsgesellschaft fertigt er neue Kunstwerke.

Seine Arbeit wird häufig mit Schaufensterpuppen und Models kombiniert. Dieser Schritt versinnbildlicht das Schönheitsideal der Industrie und unserer gesamten Gesellschaft als solches. Mehr Konsum bedeutet auch gleichzeitig einen stetig wachsenden Berg an Verpackungsmaterial und anderen Abfällen

So konfrontierte er in seinen Arbeiten die Betrachter immer wieder mit der verführerischen Schönheit einer mächtigen Beauty-Industrie sowie dem, was der Preis für diese Schönheit ist: ein unaufhaltsam wachsender Wust an Verpackungsabfall.

Aus Kunststoff wurde Kunst-Stoff.

Von der Thematik Schönheit war es nur ein kleiner Schritt hin zum Komplex Vergänglichkeit.

„Alleine wenn du als Maler, der schon die Mitte seines Lebens eine Weile hinter sich hat, mit jungen Models arbeitest ist die Frag automatisch Thema. Und soll es auch. Hierzu gibt es wunderbare Arbeiten von Picasso…zum Thema Maler und Model. Denn natürlich ist die Frage nach Schönheit eng mit der Frage nach Vergänglichkeit verbunden. Und tatsächlich arbeitet die Schönheitsindustrie ja mit dem Anspruch, die Vergänglichkeit aufzuhalten“, sagt Strogies.

Seine Arbeiten hinterfragen unsere Ideale. Und werfen die Frage auf ob, verpackungsorientiertes Denken uns auch irgendwann physisch ersetzen wird?

Kleidung ist unsere Verpackung, mittlerweile begreifen wir Haut schon als etwas von uns manipulierbares und versuchen uns dem Prozess natürlicher Alterung zu entziehen. Doch ist Alterung nichts anderes als der natürliche Prozess des Werdens und Vergehens.

So tauchen auch in Strogies Montagen immer wieder Pflanzen auf. Keine Blumen, sondern unspektakuläre Pflanzen wie Efeu. Efeu ist hart. Es überwuchert alles. Ob Erdreich, lebenden Organismus oder Beton. Es setz sich in seine Fugen und sprengt ihn mit seinen Wurzeln. Die Natur erobert sich die von Menschen gestalteten Lebensräume zurück, wenn man sie gewähren lässt Die Kombination von Plastikmüll und Natur begann Strogies zu faszinieren.

So entstanden erste Skulpturen aus Plastikmüll und Bepflanzungen der unterschiedlichsten Art. „Im Jahr 2018 beschloss ich, dass keinerlei Müll mehr mein Atelier verlässt. Alles was an Müll anfiel sollte in irgendeiner Form in meine Arbeit einfließen.“

So entstanden Folienbäume aus dem Verpackungsmaterial der Leinwände. Zur Isolierung gegen Sonnenstrahlen oder Kälte im Winter tauchte er Wellpappe in flüssiges Latex, um sie witterungsbeständig zu machen. Als bekennender Koffein-Junkie wuchsen seine Coffee-to-go-Bäume.

Zur Bepflanzung setzt er in erster Linie Wildkräuter ein, die gleichzeitig als gefragteres Futtermittel für Insekten dienen. So entstand die Idee, solche Objekte auf versiegelten Oberflächen einzusetzen. Dies würde drei Funktionen gleichzeitig erfüllen. Erstens den künstlerisch/ästhetische Aspekt, zweitens eine sinnvolles Upcycling von Kunststoffabfällen und drittens die Schaffung von Lebensräumen für Insekten auf Flächen, die aufgrund ihrer Bauweise der Natur entzogen sind.

Durch seine Arbeit mit seinem Werkstoff und nach Konsultation mit Vertretern aus Wirtschaft und Wissenschaft entdeckte das unglaubliche Potential. Die vielseitigen Fähigkeiten und den Wert dieses eigentlichen „Hightech-Produktes“. Man muss die Abfallproblematik eher als Problem der Perspektive betrachten. Ein Umdenken im Gebrauch und Umgang mit unserem Abfall.

Die Realisierung seiner Projekte wird häufig mit der Sorge über die Entstehung von Mikroplastik abgelehnt. Eine Argumentation, die aus wissenschaftlicher Sicht zurzeit nicht haltbar ist. Somit hat Strogies sich neben der künstlerischen Wirkung seiner Objekte zur Aufgabe gesetzt, genau diesem Phänomen nachzugehen und durch Zusammenarbeit mit der Wissenschaft diese näher zu untersuchen.

Unterstützung fand er hier durch die Wissenschaftlerin Prof. Dr. Gilian Gerke von der Hochschule Magdeburg-Stendal, im Fachbereich Wasser- und Kreislaufwirtschaft, die sich als Beraterin für sein Projekt zu Verfügung stellte. Auch sie forscht im Rahmen ihrer Dozententätigkeit an den Auswirkungen von Klima und anderen Umweltfaktoren auf die verschiedenen Kunststoffarten.

Eine weitere Zusammenarbeit entstand im Rahmen der Algensammlung der UNI Göttingen die von Prof. Thomas Friedl betreut wird. Es existieren bereits eine Fülle von Vermutungen, was für Prozesse zwischen Algen und Plastik ablaufen könnte, aber keine wirklichen Untersuchungen.

Jeder kennt die Problematiken in unseren Meeren, in denen Algen sich an dem sich zersetzenden Plastik festsetzt und dadurch Meerestieren dieses als Nahrung vorgaukelt, was zu verheerenden Folgeschäden führt. Die Langzeitfolgen sind jedoch kaum erforscht.

Im ersten Schritt stellte Prof. Thomas Friedl dem Künstler eine Algenzüchtung zu Verfügung.

Die Idee ist es, über Säulen, sprich Skulpturen aus Plastikmüll, eine Algenflüssigkeit laufen zu lassen. Der Kunststoff soll so beschichtet werden, dass die in dem Wasser gebundenen Algen sich auf der Oberfläche festsetzen können und gleichzeitig mit Nährstoffen versorgt werden.

Der dadurch entstehende Algenfilm auf dem Kunststoff verhindert somit ein zu starkes Eindringen von UV-Strahlen auf den Kunststoff. Die Algen binden eventuell entstehendes Mikroplastik mechanisch. Das in sich geschlossene System kann jeder Zeit durch Proben überwacht und untersucht werden.

Das von Strogies geplante Projekt eines Kunststoff-Biotops soll wie folgt aufgebaut sein:

Das Auffangbecken

 

Zentraler Baustein der Installation ist das Auffangbecken. Hier werden die Niederschläge von Starkregen aufgefangen. Hieraus ergeben sich die Dimensionen des Beckens.

Durch den Boden des Beckens wird das gesammelte Wasser durch perforierte Schläuche unterirdisch zu den jeweiligen Pflanzgebieten im Umfeld der Anlage verteilt. Das unterirdische Leiten des Wassers verhindert das oberflächliche Abfließen des starken Niederschlages. Das Wasser wird gezielt zu den Wurzeln der Pflanzen geführt und wird dort vom Erdreich aufgenommen.

Das Algenbecken

 

Im Gegensatz zum Auffangbecken ist es geschlossen, um eine konstante Wasserhöhe zu gewährleisten. In dem Becken befindet sich Algenflüssigkeit, die durch eine Wasserpumpe senkrecht in die Algensäule (bestehend aus Kunststoff) gepumpt wird. Die Wassersäulen öffnen sich am oberen Ende der Algensäulen. Die Flüssigkeit verteilt sich und tropft außen an der Algensäule zurück ins Algenbecken. Hierbei sammeln sich Algen an dem porösen Kunststoff und setzen sich dort fest.

Die verschiedenen Phasen werden fotografisch festgehalten, und das Leben, was in ihnen entsteht dokumentiert. Regelmäßige Proben dienen zur Untersuchung der Prozesse zwischen Algen und Kunststoff.

Was soll erreicht werden?

Speicherung von Regenwasser auf versiegelten Flächen wie Parkplätzen oder Gebäudedächern.

Upcycling von bisher schwer recyclebarem Plastikabfall (anstelle des Verbrennens).

Schaffung von dringend benötigtem Leben undNahrungsräumen für Insekten und anderen Kleintieren.

Bindung von Feinstaub durch das fließende Wasser in Kombination mit Algen.

Wissenschaftliche Untersuchung der Prozesse zwischen Algen und Kunststoff.

Da diese Projekte aus vorhandenen Materialien geschaffen werden, hier also in der Anschaffung kaum Kosten anfallen, können sie ideal im schulischen Umfeld eingesetzt werden. Solche Installationen können auf jedem Schulhof von Schülern unter Anleitung gebaut werden. Die Verwendung von solarbetriebenen Pumpen führen zu sehr geringen bis gar keinen Betriebskosten.

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