Film trifft Forschung bei den “KinoSauriern”

Ob als monströse Kreaturen oder als plüschige Kuscheltiere, Dinosaurier beschäftigen schon lange die Vorstellungkraft der Menschen. Die Ausstellung “KinoSaurier” im Landesmuseum Hannover beleuchtet die Darstellung der Urzeittiere im Film in bisher einzigartiger und vielseitiger Weise. Es dauerte aufgrund der Corona-Pandemie zwar länger als ursprünglich geplant, doch inzwischen hat die Ausstellung “Kinosaurier” im Landesmuseum Hannover für das Publikum eröffnet. Anhand von 250 Exponaten mit Leihgaben von 20 Institutionen und Privatleuten und 30 Filmausschnitten wollen die Kurator*innen Dr. Annette Richter und Dr. Daniel Hercenberger eine Brücke “zwischen Fantasie und Forschung”, so der Untertitel der Ausstellung, schlagen. Die Idee dazu kam auf, als der Filmwissenschaftler Hercenberger plante, ein Buch zum Thema Dinosaurier im Film zu schreiben. Der Entwurf dafür landete auf dem Schreibtisch von Dr. Richter, die parallel an einem ähnlichen Konzept für eine Ausstellung arbeitete. “So entstand dann eher zufällig diese Symbiose”, erklärt Hercenberger, der an der Hochschule Hannover auch als Dozent der Theorie und Geschichte der Animation arbeitet.

Den wissenschaftlichen Ausgangspunkt von “KinoSaurier” bildet ein Aufsehen erregender Fossilien-Fund am Harz-Nordrand im Jahr 1998. Dort wurden die Knochen eines bis dahin unbekannten Langhalssauriers, des “Europasaurus holgeri” entdeckt. Weitere Untersuchungen in diesem Landstrich ergaben neue Erkenntnisse, die ein überraschendes Bild des Harzes vor ca. 154 Millionen Jahren zeichneten: Statt Bergen befand sich damals dort eine tropische Insellandschaft. In Kalkstein konservierte Überreste von Schildkröten, Muscheln und Krokodilen wurden auch im “Hannoveraner Jura” in Linden und Ahlem gefunden.  Der dort ansässige “Europasaurus” etwa war durch das begrenzte Nahrungsangebot verzwergt. Diesen Funden vom Langenberg ist der erste der insgesamt 12 Ausstellungsräume gewidmet.

Die Fossilien wieder zum Leben erwecken

Auf der Basis dieser Entdeckung stellt die Ausstellung dar, wie der Weg von den Fossilien zur möglichst lebensnahen Rekonstruktion der längst ausgestorbenen Urzeitechsen aussieht. Dieser Prozess wird anhand nachgebauter Skelette und der zugrundeliegenden Knochen und versteinerten Fossilien, u.a. aus China und den USA, illustriert. Hilfestellung bietet den Forscher*innen dabei die “Paleo-Art”, die bildliche Darstellung ausgestorbener Lebenswelten. Diese hat ihren Ursprung im 19. Jahrhundert, als Charles Darwin die Evolutionstheorie entwickelte. Die Herausforderung besteht in dieser Kunstform darin, dass die Künstler*innen ihre Modelle nicht in der freien Wildbahn und in Bewegung beobachten, sondern nur deren Knochen für ihre Arbeit nutzen können. Daher müssen sie sich auf wissenschaftlich untermauerte Vermutungen stützen, um diese Fehlstellen zu ergänzen. Entdeckungen wie die des Archaeopteryx im Plattenkalk im bayerischen Solnhofen vervollständigen das Bild der urzeitlichen Tierwelt weiter. Dieser Urvogel weist Merkmale von sowohl von Vögeln als auch von Reptilien auf und stellt somit ein Bindeglied zwischen den beiden Tierklassen her. Eine kleine Gruppe der Saurier entwickelte sich zu den heutigen Vögeln.

Filmemacher können sich in dieser Hinsicht eine wesentlich größere Freiheit herausnehmen und auch ein wesentlich größeres Maß an Fantasie in ihre Werke einfließen lassen. So richtet “KinoSaurier” nach der paläontologischen Einführung den Fokus als nächstes auf die Entwicklung der filmischen Darstellung der Dinosaurier. Anhand einiger cineastischer Meilensteine werden den Besuchern die unterschiedlichen Dino-Varianten präsentiert: Mal liebenswerter Freund und Gefährte, mal bedrohlicher Widersacher der Menschen. Die große Auswahl, die sich den Initiatoren der Ausstellung dafür bot, belegt die enorme Popularität der Urzeitechsen. Dr. Daniel Hercenberger und Dr. Annette Richter konnten aus einem reichen Schatz an Dino-Filmen schöpfen und zeigen ein paar exemplarische Szenen. Bei der visuellen Umsetzung erhielten die Kurator*innen Unterstützung von der Hochschule Hannover und dem SAE Institute. Mithilfe von Ausschnitten wird das Publikum durch die Filmgeschichte geführt.

Als erster wegweisender Schritt gilt “Gertie the Dinosaur” von 1914, der die Tradition des kommerziellen Zeichentrickfilms in Amerika begründete. Mit “The lost world” (“Die verlorene Welt”), erschienen 1925 nach einer Vorlage des Sherlock-Holmes-Schöpfers Arthur Conan Doyle, wird wiederum ein Paradebeispiel der Stop-Motion-Technik vorgestellt. Acht Jahre später ist bei “King Kong” die Tricktechnik noch deutlich aufwändiger geworden, da nun beim Tonfilm 24 statt wie zuvor beim Stummfilm 16 Bilder pro Sekunde aufgenommen werden müssen. Wie monströse Kreaturen als Sinnbild für menschliche Katastrophen dienen können, zeigt ein knappes Jahrzehnt nach dem Zweiten Weltkrieg “Godzilla”. Auf bis dato weitgehend neues technisches Gebiet wagte sich das “Jurassic Universe”. Der 1993 erschienene erste Film der inzwischen 5-teiligen Reihe unter der Regie von Steven Spielberg nutzte Computer Generated Imagery (CGI) und löste damit einen regelrechten Dino-Hype aus. Die Darstellung der Dinosaurier im “Jurassic Park”, speziell des grau-geschuppten T-Rex, ist allerdings nicht ganz realistisch, wie Federfunde in China Ende der 90er Jahre belegen. Da die furchteinflößende Erscheinung auf der Leinwand jedoch eindrucksvoller wirkt, hält man weiterhin an diesem Bild fest, führt Hercenberger aus.

Generell stünden sich in den Filmen meist die menschliche Zivilisation und dem “verlorenen” Reich der Dinosaurier. Ein an den “Jurassic Park”-Film angelehntes Tor stehe für das Überschreiten dieser Schwelle. “Es ist ein Symbol für den Übergang des Menschen in die Urzeitwelt”, erläutert der Filmwissenschaftler bei einer Führung für Student*innen vom SAE Institute. Die wachsende Beliebtheit der Riesenechsen führte dazu, dass auch aufwendige Dokumentationen Produziert wurden, wie etwa “Dinosaurier-Im Reich der Giganten” der BBC. Für die kleinen Zuschauer wurden mit dem Genre “Horror light” verniedlichte Dino-Versionen entwickelt, z.B. in “In einem Land vor unserer Zeit”. Im Zuge der “Grausamkeitsdebatte” der 60er und 70er-Jahre sollte die Kinder möglichst nicht verängstigt werden.

Dino-Filme als Indikator für technische Innovation

So unterschiedlich die Filme das Thema Dinosaurier auch umsetzten, haben sie doch alle eins gemeinsam: Sie repräsentieren den jeweils aktuellen Stand der Trick- und Animationstechnik, und nutzen diese, um ihre Protagonisten dem lateinischen Wortursprung Leben einzuhauchen. “Sich bewegende, lebendige Dinosaurier-die gibt es (leider) nur im Film! “KinoSaurier” im Landesmuseum Hannover ist aber die erste Sonderausstellung weltweit, die Filmdinos, ihre unbewegten Bildvorlagen und die all dem zugrundliegenden, fossilen Knochenfunde zusammenbringt. Dies geschieht entlang des Roten Fadens der Trick- und Animationsgeschichte des Films. Was ist Forschung – und was ist Fantasie? Nach dem Besuch der von uns kuratierten Ausstellung am WeltenMuseum erschließen sich die DinoWelten der Forschung, Bildkunst und des Dinofilms ganz neu”, so die Ausstellungsmacher*innen in einer Erklärung.

Einen weiteren Einblick in die mediale Darstellung der Dinosaurier geben die Publikationen des Landesmuseums, wie z.B. “ComicSaurier”, Comics zum Thema “Saurier im Film” von Mediendesignstudierenden der Hochschule Hannover in Zusammenarbeit mit dem Landesmuseum Hannover, herausgegeben von Dr. Annette Richter und Dr. Daniel Hercenberger oder “Dinosaurier” aus der Reihe ComicWelten des Landesmuseums Hannover von Sarah Salié und Dr. Daniel Hercenberger. Hier kommen vor allem junge Saurier-Fans auf ihre Kosten.

Gefördert wird das Projekt durch das Niedersächsische Ministerium für Wissenschaft und Kultur, die Niedersächsische Sparkassenstiftung, die Sparkasse Hannover, die Naturhistorische Gesellschaft Hannover und die Helene-Fastje-Stiftung. Sie entstand in Kooperation mit der Hochschule Hannover, dem Dinosaurier Park Münchehagen und dem Karel Zeman Museum in Prag. Noch bis zum 29. August können die Besucher des Landesmuseums in die verschiedenen Welten der Riesenechsen eintauchen. Anschließend ziehen die “KinoSaurier” ins Naturhistorische Museum in Wien um.

Credits: Landesmuseum Hannover

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