Das Ernst-August Denkmal als Schwarmkunstwerk.

Michael Panusch

12. Januar 2022

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Wer im Dezember den Hauptbahnhof verließ, musst unweigerlich den Blick auf eine Kunstinstallation der besonderen Art werfen. Das Wahrzeichen der Stadt, das Ernst-August Denkmal von oben bis unten in schwarzer Farbe verhüllt. Das wirft Fragen auf. Und erhitzte die Gemüter. Es gab Gesprächsstoff. Wir sprachen mit dem kreativen Geist hinter dem SCHWARMKUNSTWERK – Kerstin Schulz.

Hallo Kerstin, wie kommt man dazu, das Wahrzeichen einer Stadt einzupacken?

„Im Jahr 2019 wurde ich gefragt, ob ich für die EU ein Schwarmkunst Projekt zum Thema Identität konzipieren könnte. Wo fängt die Identität innerhalb jeden Ortes an, jeder Stadt, jeden Landes oder auch die Identität der gesamten EU? Corona hat diese Aktion dann im Keim erstickt. So war ich glücklich, dass ich von Ingrid Wagemann angesprochen wurde wie ich mir Hannover 2030 vorstellen könnte. Was ist für eine Stadt identitätsstiftend? Die Menschen, Gebäude oder ein Denkmal? Als Künstlerin hängen mir besonders Skulpturen am Herzen und es Schmerzt zu sehen, dass in anderen Länder zum Beispiel Denkmälern der Kopf abgeschlagen wird oder es komplett zerstört wird. Ich denke man kann dieses Thema auch in einen anderen Kontext setzten, egal was für ein idiotischer Typ da dargestellt wurde.

Dann ist die Idee zu dieser Schwarmkunstaktion am Ernst-August Denkmal entstanden. Einfache Formel: Man nimmt das Wahrzeichen einer Stadt und lässt die Bürger mit Hilfe von Schwarmkunst daran Intervenieren. Dort entstehen erfahrungsgemäß wirklich interessante Diskussionen und Erfahrungen über das Thema „Denkmal-Denkmäler”, wo sind die Grenzen was darf man mit dem Kulturgut machen?“

Woher kommt die Inspiration?

„Wie bei jeder Arbeit ergibt eine Projekt-Idee die nächste. Frei nach dem Zitat: Kunst ist schön, macht aber verdammt viel Arbeit. Am Anfang steht ein Thema, welches mich berührt und beschäftigt. Aus einem Übermaß an Ideen werden die wertvollsten Ideen rausgefiltert und via Skizzen festgehalten. Bevor ich mich um die künstlerische Umsetzung kümmere, setzte ich mich mit der spezifischen Technik auseinander und feile oft lange mit Spezialisten an der Möglichkeit der Umsetzung. Dann kommt in der Regel die meditative Phase der Transformation von der Idee zum Kunstwerk, bei der ich unzählige von Einzelteilen zusammenfüge zu einem großen Ganzen.“

Welche Verbindungen oder vielleicht auch Wege muss man dafür beschreiten, künstlerisch wie auch bürokratisch?

Die Stadt Hannover hat schon vier Schwarmkunst-Aktionen unterstützt und weiß wie gewissenhaft wir arbeiten, das ist sehr hilfreich. Vielleicht gibt es beim Denkmalschutz und Bauamt auch eine kleine Fan-Base?

Was für Erfahrungen und Eindrücke nehmen Sie mit aus dieser Zeit?

Einen wahren Rausch an Eindrücken: Positiv waren die 1900 Hannoveraner*innen, die begeistert mitgemacht haben. Aber auch die zahlreichen Diskussionen, Fragen und Kontroversen in Zusammenhang mit dem Werk. Viele Hannoveraner*innen lieben Ihre Skulptur – zur Demokratie gehört Diversität dazu. Einen wunderschönen bunten Ernst-August, ob man das als impressionistisches Gemälde sieht oder als bunte Vogelkacke bleibt dem Betrachter überlassen.

Negativ: Warum definiert man Plastik als Schutzkonstruktion gleich als Müll? Was ist Müll eigentlich? Für mich gibt es Müll nicht: Nur Materie am falschen Ort! Wir verarbeiten in der Regel alles weiter. Bei der Auswahl der Materialien suche ich die Magie der Funktion, die Magie hinter der Funktion. Was geschieht beim Perspektivwechsel? Ein Supermarkt verbraucht pro Tag mehr, als wir am Ernst August verwendet haben. Darf man als Künstler nicht mehr frei seine Materialien wählen? Wann fängt Zensur in der bildenden Kunst an? Man nimmt ja auch nicht den Geigenspieler seine Geige weg, nur, weil die Geige aus Tropenholz gefertigt wurde. Ja da bin ich noch angefasst bei dem Thema.

Als Künstlerin habe ich das Privileg (in meiner Gesellschaft) zwanglos und spielerisch „ALLES” Fragen zu dürfen. Diese kulturelle Errungenschaft ist Segen und damit auch gleich Verpflichtung.“

Kerstin Schulz

+49 (0) 151 165 224 68
schulz@atelier-dreieck.de
www.atelier-dreieck.de

Büro:
atelier-dreieck
Brauereiweg 25
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www.atelier-dreieck.de


















cityglow autor

Michael Panusch

Als leidenschaftlicher Storyteller und urbaner Enthusiast hat Michael Panusch schon immer den Finger am Puls der Stadt gehabt. Als treibende Kraft hinter dem Cityglow Magazine versucht er, die ungesehenen Ecken, die unerzählten Geschichten und die dynamische Atmosphäre von unseren Metropolen zu beleuchten. Mit seinem scharfen Blick für Details und seiner Vorliebe für die Avantgarde spiegeln Michaels Artikel nicht nur seine Liebe zu urbanen Landschaften wieder, sondern bieten auch eine neue Perspektive auf das Stadtleben.

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