MEHR L(I)EBEN, Ausgabe #3
DU bist gemeint.
Kleine Gesten, große Momente und die Frage, was es wirklich heißt,
gesehen zu werden.
Es ist verflixt eng hier drin. Und dunkel. Und irgendwie riecht es nach abgestandenem Vorurteil.
Ich sitze mal wieder in meiner mentalen Schubladenkommode – selbstgebaut, klar –, weil ein Teil von mir unbedingt jemanden auf den ersten Blick einsortieren wollte. Unerquicklich. Ziemlich sicher auch für den unfreiwillig Einsortierten.
Warum gibt es dieses muffelige Kommodending überhaupt? Und offenbar nicht nur in mir? Warum wirkt es so viel leichter, jemanden Marie-Kondo-mäßig zusammengerollt in eine Schublade zu räumen, statt ihn vorurteilsfrei und damit womöglich ganz und gar klar zu betrachten?
Und was hat das mit dem roten Faden dieser Kolumne zu tun, dem MEHR L(I)EBEN können? Offenbar einiges. Denn „Sehen und gesehen werden” haben sich für diese Ausgabe neben meiner Kommode breitgemacht und grinsen mich an. Und während ich noch zurückgrinse, ploppt eine Erinnerung auf – Jahre alt, bis heute lebendig:
Innenstadtgewusel im Frühsommer. Mittendrin mein Vater und ich, unterwegs Richtung Café, umgeben von diesem typischen Stadtgeräusch aus Stimmengewirr und Straßenmusik.
An einer Kaufhausecke saß wie so oft die Frau mit dem Straßenmagazin. Mein Büro war damals in der City, wir kannten uns von kleinen Pläuschen. Als sie mich an jenem Tag entdeckte, rief sie quer über den Platz:
„Beaaa!”
Laut. Fröhlich. Und UNüberhörbar.
Ich winkte zurück und flüsterte meinem Vater zu: „Lass uns ein Magazin kaufen, dann freut sie sich.”
Er blieb stehen. Sah mich an. Schüttelte leicht den Kopf. Und marschierte los in die entgegengesetzte Richtung.
Ich folgte ihm irritiert. Sich abzuwenden passte so gar nicht zu ihm. War mir da ein brisanter Charakterumschwung entgangen?
Spoiler: Nein, keineswegs. Im Gegenteil!
Er steuerte auf ein Blumengeschäft zu, kaufte eine einzelne rote Rose, warf mir einen „Warte-es-ab”-Blick zu – und ging zurück zur Frau an der Kaufhausecke.
Ich stellte sie einander vor. Mein Vater verbeugte sich leicht, überreichte ihr lächelnd seine florale Errungenschaft und sagte:
„Eine Rose für die Rose.”
Stille.
Und dann… fast unbeschreiblich, was in ihrem Gesicht geschah. Kein Lächeln, kein höfliches Danke, sondern etwas zutiefst Berührendes: blankes Erstaunen. Augen, die sich weiteten, und darin, ganz leise und unübersehbar:
„Moment – ich? Du meinst MICH?”
Das war kein Knigge-konformer Flirt. Denn mein Vater hatte nicht die Verkäuferin gesehen. Nicht die Rolle. Nicht die Umstände. Sondern SIE. Den Menschen hinter all den Schubladen und Vorannahmen.
In einem einzigen Moment hatte er ihr das Gefühl geschenkt, wirklich gemeint zu sein.
Da verstand ich etwas, das mich bis heute begleitet:
Wirklich gesehen zu werden ist kein Luxus. Es ist ein menschliches Grundbedürfnis.
Und eines, das wir einander – und damit auch uns selbst – im Alltag gefühlt zunehmend schuldig bleiben.
Denn wie oft scannen wir, statt wirklich hinzusehen. Scrollen durch Menschen wie durch Timelines. Sortieren in Sekundenbruchteilen: wichtig, unwichtig, passt, passt nicht, kenn ich, brauch ich, will ich nicht. Wir swipen uns durch den Tag und dessen Begegnungen. Effizient. Erschöpfend. Und zutiefst einsam machend – für alle Beteiligten.
Denn ungeprüftes Einordnen ist bequem. Sehen jedoch ist ein Stückchen Arbeit. Es verlangt, dass wir kurz stehen bleiben und unsere Vorannahmen ablegen wie eine zu schwere Tasche. Dass wir riskieren, positiv überrascht zu werden. Vielleicht sogar: verändert davon.
„Man sieht nur mit dem Herzen gut. Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar”, wusste schon Saint-Exupéry.
Mit den Augen des Herzens zu sehen fördert Erkenntnis:
Der Mensch vor mir ist nicht seine Funktion.
Nicht sein Titel, Bildungs- oder Kontostand.
Nicht seine Hautfarbe, seine Fehler, seine Reputation.
Er IST. Genau wie ich. Und DAS reicht.
Vorurteile verzerren. Liebe klärt den Blick. Sie zeigt uns die Dinge oft so unkompliziert, wie sie – einfach – sind.
Und vom Sehen zum Gesehen-Werden – wann fühlen wir uns denn wirklich gesehen?
Selten wissen wir das mit dem Kopf. Wir empfinden es eher. Wenn ein Blick nicht durch uns hindurchgeht. Wenn unser Name bewusst ausgesprochen wird. Wenn jemand „Wie geht es dir?” fragt – und die echte Antwort wirklich hören will. Nicht die Kurzfassung für Eilige.
Und dann gibt es auch diese Momente, in denen jemand uns tatsächlich sieht – wir ihm aber nicht glauben. Weil er etwas in uns erkennt, das wir selbst (noch) nicht sehen können oder wollen. Ein Entwicklungsfeld, das noch zu schmerzhaft ist. Oder etwas so Schönes, dass wir es uns aus Mangel an Selbstwert verweigern. Unschwer zu erkennen daran, wie schwer uns das Annehmen ehrlicher Komplimente fällt, ohne sie kleinzureden.
Was mich zu der vielleicht entscheidenden Frage dieser Ausgabe führt:
Wer ist eigentlich der wichtigste Mensch, auf dessen „dich-gut-sehen-Können” es mehr ankommt als auf alle anderen – ob du des willst oder nicht? ;)
Das bist DU.
Nicht dein Partner. Nicht deine Eltern, dein Chef, deine beste Freundin.
Du.
Denn was nützt der liebevollste Blick von außen, wenn er auf ein Inneres trifft, das sich selbst nicht gut oder nur sehr verzerrt ansehen kann? Sich verurteilt, in Schubladen abwertet und klein macht.
Dein ehrlicher, wohlwollender Blick auf dich selbst ist die Basis. Der Mut, dich wirklich zu sehen – mit Sonnen- und Schattenseiten, mit all den bunten Farben und dunklen Urteilen, mit deinen Schutzmechanismen und deiner Verletzlichkeit. Dann zeigt sich die stille, enorme Kraft der (Selbst)Liebe:
Wenn der wichtigste Mensch in deinem Leben – du selbst also – dich wirklich sieht und annimmt, wie du bist, wird der Hunger nach Anerkennung von außen kleiner. Der Druck lässt nach. Energie wird frei. Und mit ihr der Blick auf den anderen: klarer, weiter, wohlwollender. Wir urteilen langsamer. Verstehen tiefer. Vergleichen weniger. Und echte Begegnung kann entstehen.
Das ist kein romantisch-verklärter Umweg. Das ist Physik der Aufmerksamkeit: Wer innerlich satt ist, muss nicht ständig abgreifen, was ihm fehlt. Er kann geben, statt haben zu wollen.
Vielleicht liegt eine der schönsten Formen von Glück genau hier:
Nicht darauf zu warten, gesehen und WAHR-genommen zu werden. Sondern dieses „DU bist gemeint” zuerst sich selbst und dann jemand anderem zu schenken – wie die metaphorische Rose.
Liebe ist kein großes Gefühl mit epischer Hintergrundmusik.
Sie ist wohlwollende Aufmerksamkeit in Aktion.
Ein Verb.
In diesem Sinn: Möge es rote Rosen für dich regnen! Und mögest du auch viele verschenken können – dir und anderen.
Wie gut diese verrückte Welt wohl duften würde damit – und ohne all unsere Muffelkommoden?
Herzlich
TaBea von LICHTAUF
P.S.: Danke für diese Lektion und liebe Grüße zu dir in die Ewigkeit, Papili!
FAQs – MEHR L(I)EBEN, Ausgabe 3: DU BIST GEMEINT.
Worum geht es in dieser Ausgabe der Kolumne „MEHR L(I)EBEN”? Im Mittelpunkt steht die Frage, was es wirklich heißt, einen anderen Menschen – und sich selbst – wirklich zu sehen. Anhand einer persönlichen Erinnerung an ihren Vater zeigt TaBea von LICHTAUF, wie aus einer kleinen Geste ein Moment echter Begegnung werden kann. Und warum Gesehen-Werden ein menschliches Grundbedürfnis ist, das eng mit der Fähigkeit zur Selbstliebe verknüpft ist.
Was ist die zentrale Botschaft dieser Ausgabe? Wirklich sehen ist ein Akt der Liebe. Vorurteile verzerren, Liebe klärt den Blick. Und der wichtigste Mensch, auf dessen liebevolles Sehen es im Leben ankommt, ist man selbst. Wer sich selbst wirklich sieht und annimmt, wird den Hunger nach Anerkennung von außen kleiner machen – und bekommt den Blick frei für echte Begegnung mit anderen.
Was bedeutet es, jemanden „wirklich zu sehen”? Wirklich sehen heißt, die eigene Bewertungsbrille kurz abzusetzen. Den Menschen nicht auf seine Funktion, seine Rolle oder seine Umstände zu reduzieren. Sondern ihn als den wahrzunehmen, der er ist – jenseits aller Schubladen und Vorannahmen. Saint-Exupérys Satz „Man sieht nur mit dem Herzen gut” bekommt dabei eine sehr praktische Bedeutung.
Welche Rolle spielt Selbstliebe in dieser Kolumne? Eine entscheidende. Wer sich selbst nicht klar und wohlwollend sehen kann, sucht diese Bestätigung im Außen – und wird dort selten wirklich fündig. Selbstliebe bedeutet hier nicht Selbstverliebtheit, sondern den Mut, sich ehrlich anzuschauen – mit Sonnen- und Schattenseiten. Wer das kann, schenkt auch anderen einen klareren, freieren Blick.
Warum ist Gesehen-Werden ein menschliches Grundbedürfnis? Weil wir als soziale Wesen Resonanz brauchen, um uns selbst zu spüren. Wenn niemand uns wirklich wahrnimmt, werden wir auf Funktionen reduziert. Wenn jemand uns wirklich meint, entsteht etwas, das durch nichts zu ersetzen ist: das Gefühl, zu existieren. Zu zählen. Dazuzugehören.
Wer schreibt die Kolumne? TaBea von LICHTAUF ist Coach, Trainerin, Autorin und Gründerin von LICHTAUF go.learn.grow. Sie begleitet Menschen und Unternehmen in den Bereichen Persönlichkeitsentwicklung, Resilienz, emotionale Stärke und bewusste (Selbst-)Führung – mit Liebe als rotem Faden und präzisestem Lebenskompass. Ihr Antrieb: das Echte sichtbar machen – in Gesprächen, in Organisationen und in starken Geschichten.
Welche Themen behandelt die Kolumne „MEHR L(I)EBEN” insgesamt? Jede Ausgabe beleuchtet eine andere Facette von Liebe – jenseits von Romantik und Kitsch. Bisher erschienen: Erschöpfung als Zeichen für Mangel an Liebe und Verbundenheit, Entzauberung als Folge des Zwangs zu wissen, und nun das Sehen und Gesehen-Werden als Akt gelebter Liebe. Kommende Ausgaben widmen sich weiteren Facetten – und dem enormen Glückspotenzial, das im Lieben-Können steckt.
Wo erscheint die Kolumne? MEHR L(I)EBEN erscheint monatlich im CityGlow Magazin – print und online – und richtet sich an Menschen in Hannover, Niedersachsen und deutschlandweit, die mehr Tiefe, Bewusstheit und echte Lebensfreude suchen.
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Foto: TaBea Rienas / CityGlow





