Jetzt online lesen: Ausgabe 02.2026

Jérémy Gobé – „Lace is more”: Wie ein französischer Künstler mit Klöppelspitze Korallen rettet
Der französische Künstler Jérémy Gobé vor seinen koralleninspirierten Werken im Museum für Textile Kunst in Hannover. Seine Sonderausstellung „Lace is more" ist bis Februar 2027 zu sehen. Foto: MFTK
Aufrufe: 1

Jérémy Gobé – „Lace is more”: Wie ein französischer Künstler mit Klöppelspitze Korallen rettet

von CityGlow

Sonderausstellung im Museum für Textile Kunst Hannover | 28. Februar 2026 – 28. Februar 2027


Von Michael Panusch | CityGlow Magazin | 27. Februar 2026

Blaues Licht flutet die massiven Bunkerwände, textiles Gewebe schmiegt sich an rauen Beton, und plötzlich steht man mitten in einem Korallenriff – mitten in Hannover. Im Museum für Textile Kunst (MFTK) in Kirchrode eröffnet am 28. Februar 2026 eine Ausstellung, die so in Deutschland noch nie zu sehen war: „Lace is more – Die Kunst mit Spitze Korallen zu retten” des französischen Künstlers Jérémy Gobé.

Ein Bunker wird zum Korallenriff

Der Ausstellungsort könnte kontrastreicher kaum sein. Im Zweiten Weltkrieg als Luftschutzbunker errichtet, beherbergt das Gebäude in der Borchersstraße seit 2007 die einzigartige Textilsammlung der Museumsgründerin und Modedesignerin Erika Knoop. Die meterdicken Wände, die einst Schutz vor Bomben boten, schaffen heute ein konstantes Raumklima, das empfindlichen Stoffen zugutekommt. Für Gobés Ausstellung werden sie zu etwas anderem: Sie wirken wie Felswände in der Tiefe des Meeres, angestrahlt in geheimnisvollem Blau, umhüllt von textilem Gewebe. Die Illusion ist perfekt – die Besucher tauchen ab.

Jérémy Gobé, Jahrgang 1986, lebt und arbeitet in Paris. Er gilt als einer der international renommiertesten Vertreter der Environmental Art – einer Kunstrichtung, die sich mit den drängenden ökologischen Fragen unserer Zeit auseinandersetzt. Seine Werke waren bereits auf der Dubai World Expo, in New York und an zahlreichen Orten in Frankreich zu sehen. Doch in Deutschland zeigt er sein Werk nun zum allerersten Mal, und zwar exklusiv in Kooperation mit dem MFTK.

Kunst trifft Wissenschaft: Die filigrane Struktur der Klöppelspitze ähnelt dem Skelett lebender Korallen – und dient im Projekt „Corail Artefact” tatsächlich als Ansiedlungsfläche für Korallenlarven. Foto: MFTK 

Der Moment, der alles veränderte

Die Geschichte hinter „Lace is more” klingt fast wie ein Märchen. Gobé beschäftigt sich seit Jahren mit Korallen – fasziniert von ihrer skulpturalen Formenvielfalt, ihren leuchtenden Farben und ihrer dramatischen Fragilität. Gleichzeitig interessiert er sich für traditionelles Handwerk, das in vielen Regionen Europas zu verschwinden droht. Als er 2017 beim Internationalen Festival Außergewöhnlicher Textilien im französischen Clermont-Ferrand die Klöppelspitze aus Le Puy-en-Velay kennenlernte, traf es ihn wie ein Blitz: Das filigrane Muster des sogenannten „Point d’Esprit”, einer über 400 Jahre alten Spitzentechnik, ähnelte auf verblüffende Weise der Skelettstruktur bestimmter Korallenarten.

War es möglich, dass Korallenlarven sich auf einem Material ansiedeln, das ihrer eigenen Struktur so ähnelt? Die Idee war kühn – und sie funktionierte. Bei einem Experiment in einem Meeresaquarium zeigte sich: Korallen lieben Spitze. Die Larven siedelten sich tatsächlich auf dem Gewebe an.

Corail Artefact: Wenn Kunst Wissenschaft trifft

Aus dieser Entdeckung entstand 2019 das Projekt „Corail Artefact” – ein einzigartiges Forschungs- und Innovationsprogramm, das Kunst, Wissenschaft, Industrie und Bildung miteinander verbindet. Im französischen Meereszentrum Nausicaá, einem der größten Meeresaquarien Europas, werden die Ergebnisse wissenschaftlich überprüft und weiterentwickelt. Dort wurde eine von Gobé entworfene Korallenstruktur aus ökologischem Biopolymer mit 3D-Druck hergestellt und anschließend mit Klöppelspitze überzogen. Verschiedenste Korallenarten – darunter Montipora, Heliopora, Pavona und Hirnkorallen – wuchsen erfolgreich auf diesen Strukturen.

Die Spitze vereint drei entscheidende Eigenschaften, nach denen Meeresbiologen lange gesucht haben: Rauheit, Flexibilität und Transparenz. Zudem ist sie aus organischem Material herstellbar, biologisch abbaubar und biomimetisch – sie ahmt also die Natur nach. Gobé entwickelt zusammen mit Partnern sogar ökologischen Beton als Ersatz für die umweltschädlichen Materialien, aus denen herkömmliche künstliche Riffe bestehen.

Aktuelle Tests zeigen: Alle Arten von Korallen reagieren positiv auf die Spitzenstruktur. Was als künstlerisches Experiment begann, hat sich zu einer wissenschaftlich fundierten Lösung für eines der drängendsten Umweltprobleme unserer Zeit entwickelt. Denn weltweit sind Korallenriffe durch den Klimawandel massiv bedroht – seit den 1980er-Jahren häufen sich die Korallenbleichen in erschreckendem Tempo.

Eine Ausstellung für alle Sinne

Die Sonderausstellung „Lace is more” im MFTK zeigt Gobés künstlerische Werke, die von Korallen inspiriert sind, und erzählt zugleich die Geschichte des Projekts „Corail Artefact”. Die Besucher erleben eine immersive Installation, die Kunst und Umweltbewusstsein auf eindrucksvolle Weise verschmelzen lässt. Gobé setzt dabei traditionelle Handwerkstechniken in einen zeitgenössischen Kontext und macht deutlich: Kunst kann und soll einen Beitrag zur Lösung der großen Herausforderungen der Menschheit leisten.

„Kunst soll für die Gesellschaft da sein – nicht die Gesellschaft für die Kunst”, lautet Gobés Überzeugung. Daher gehören auch Bildungsprogramme und die Initiative „Children Ambassadors” zum Konzept von Corail Artefact, bei der Kinder spielerisch zu Botschaftern für den Schutz der Meere werden.

Die parallel zugängliche Dauerausstellung „Textile Weltreise” des MFTK ergänzt den Besuch mit kostbaren Textilien aus aller Welt – von reinseidenen Chiffons aus dem Paris der 1920er-Jahre bis hin zu Haute Couture aus Hannover.

Besucherinformationen

Ausstellung: Jérémy Gobé – Lace is more – Die Kunst mit Spitze Korallen zu retten

Laufzeit: 28. Februar 2026 bis 28. Februar 2027

Ort: Museum für Textile Kunst (MFTK) e.V., Borchersstraße 23, 30559 Hannover-Kirchrode

Öffnungszeiten: Dienstag bis Freitag 11:00–18:00 Uhr, Sonntag 11:00–16:00 Uhr

Eintritt: 10,00 € | Studierende und Schüler 8,00 € | 12–16 Jahre 5,00 € | Kinder bis 11 Jahre frei

Führungen: Nach telefonischer Anmeldung unter 0511 / 529 55 17

Website: museum-fuer-textile-kunst.de

Förderer

Die Sonderausstellung wird unterstützt von: AKB Stiftung, Niedersächsische Bingo-Umweltstiftung, Deutsch-Französische Gesellschaft Hannover e.V., Gundlach Stiftung, Hannover Rück Stiftung, Sachgebiet Stiftungen Geistliches Lehnregister Hannover, Karin und Uwe Hollweg Stiftung, KED der evangelisch-lutherischen Landeskirchen in Braunschweig und Hannover, Klosterkammer Hannover, Niedersächsische Sparkassenstiftung, Sparkasse Hannover sowie Roehse-Ausbau GmbH & Co. KG.

Das könnte dich auch interessieren