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Schritt für Schritt das Kriegstrauma bewältigen
Trotz der schweren Krise in ihrer Heimat hat sich Yana ihr Interesse an der Kunst auch in Hamburg erhalten können. „Für mich ist das eine sehr willkommene Abwechslung von dem, was sonst noch in meinem Leben passiert“, sagt sie. Foto: Cetin Yaman
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Schritt für Schritt das Kriegstrauma bewältigen

von CityGlow

Künstlerin Yana Bezvershuk-Bondarenko findet in Hamburg wieder zu sich

Im Februar 2022 startete Russland einen Angriffskrieg gegen die Ukraine. Seitdem haben Millionen Menschen ihr Heimatland verlassen, viele davon zog es nach Deutschland, darunter auch nach Hamburg. Traumatisiert von den Geschehnissen, versuchen sie hier bei uns ein neues – zumindest temporäres – Leben aufzubauen. Wie das im Einzelfall glückt, versuchen wir anhand der Künstlerin Yana Bezvershuk-Bondarenko im Interview herauszufinden.

Hallo Yana, was für eine künstlerische Ausbildung hast du und seit wann bist du in Deutschland?

Hallo Cetin, ich habe einen Bachelor-Abschluss von der Lemberger Kunstakademie in der Ukraine. Wir, ich und meine zwei Kinder, sind Ende März 2022 in Hamburg angekommen. Der Weg war sehr schwierig. Wir flohen zuerst nach Polen, nach ein paar Tagen nach Hannover, dann nach Regensburg und am Ende schließlich nach Hamburg.

Du bist vor dem Krieg aus der Ukraine geflüchtet und hoffst hier in Hamburg deine künstlerische Arbeit fortführen zu können. Was beschäftigt dich gerade im

Moment am meisten?

Ich möchte unbedingt malen, aber leider braucht man dafür ein Atelier und Material, also muss ich mich mit improvisierten Mitteln begnügen. In meiner Anfangszeit hatte ich viel Schmerz und Verwirrung im Kopf. Und noch immer übermannt mich einfach die Depression. Dennoch hatte ich bereits nach einigen Wochen mit dem Malen wieder angefangen.

Die Menschen im Westen und in Deutschland zeigen schon Gewöhnungseffekte wenn

es um Nachrichten aus den Kriegsgebieten in der Ukraine geht. Überspitzt formuliert:

die Ukraine wurde zu einem Land der „Boring Catastrophy“ (= langweilige Katastrophe). Wie ist das bei dir, hängst du nach wie vor Tag und Nacht vor den Nachrichtenkanälen?


Ich versuche, die Nachrichten nicht zu verfolgen, weil es sehr schmerzhaft und unfair ist. Die ganze Welt hat den Krieg satt, aber mein Bruder steht an der Front, schläft im Schnee und verteidigt mein Land. Wir haben keine Gelegenheit, des Krieges müde zu werden und uns auszuruhen.

Bilder malen ist ja nicht nur eine Frage der Konzentrationsfähigkeit, sondern auch

eine emotionale Angelegenheit, sowohl für den Betrachter als auch für den Künstler.

Wie stark hat dich der Krieg dich als Künstlerin beeinflusst oder sogar verändert?

Ich bin froh, dass ich Talent in meinen Händen und die Möglichkeit habe, meine Gefühle auf der Leinwand auszudrücken, ohne die ich zusammenbrechen würde. So hat mich der Krieg verändert, er hat die Wahrheit ans Licht gebracht und mich gelehrt, das Wirkliche zu schätzen. Jetzt habe ich weniger Angst davor, dass das Publikum meine Kunst vielleicht nicht mögen wird.

Kommen wir zu deiner persönlichen Situation in Hamburg: wie verliefen die ersten

Monate? Wie schnell konntest du dich akklimatisieren? Konntest du dir schnell einen Bekannten- und Freundeskreis aufbauen?

Bisher ist der Freundeskreis nicht groß, aber ich habe für mich sehr wertvolle Menschen kennenlernen können. Hamburg ist eine Stadt, in die ich mich verliebt habe. Sie hilft mir enorm dabei, mich daran zu erinnern, dass ich fühlen, lieben und atmen kann.

Was gefällt dir am besten in Hamburg?

Es ist eine wunderschöne Stadt, die verschiedene Kulturen beinhaltet und viel Inspiration gibt. Jetzt habe ich den Traum, an die Hamburger Akademie der Künste zu gehen und dann meinen Sohn dort ausbilden zu lassen. Er ist sehr talentiert. Im Alter von 12 Jahren zeichnete er bereits mehrere komplette Comic-Stories und viele Illustrationen und Cartoons.

Wie kommst du mit der norddeutschen Mentalität klar? Ist diese sehr anders als die

ukrainische?

Die Deutschen sind im Allgemeinen ein wunderbares Volk. Ich bin ihnen sehr dankbar und beeindruckt von ihrer Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft. Es gibt zwar einen Unterschied zu Ukrainern, Ukrainer sind ausdrucksstark und haben viele Emotionen, die sie auch ständig zeigen. Aber man gewöhnt sich an die neue Kultur und ich komme mit der norddeutschen Mentalität sehr gut klar.

Wir haben ja auch vorhin kurz darüber gesprochen, ob der Krieg dich als Künstlerin

auf die eine oder andere Art beeinflusst. Wie ist es, mal abgesehen vom Krieg, mit der

Tatsache, dass du dich nun im Ausland, weit weg von der Heimat, aufhältst?

Beeinflusst dies auch deine Identität als Künstlerin?

Jetzt verstehe ich, dass ich die Rolle der Kunst bisher richtig gespürt hatte und sie nur vertiefen muss. Wir haben nur diesen Moment auf der Erde. Ich habe meine vorherigen Gemälde nur gemalt, um den Betrachter dazu zu bringen, innezuhalten und in sein Herz zu schauen. Damit er erkennt, was seine wahren Wünsche sind.

Welche Bilder von anderen Künstlern siehst du dir am liebsten an? Wer sind deine persönlichen Favoriten?

Ich mag die Arbeiten von Alfons Mucha (tschechischer Plakatkünstler, die Red.) und den österreichischen Maler Gustav Klimt sehr.

Hat sich da irgendeine Veränderung ergeben? War dein Kunstgeschmack vor dem

Krieg anders gelagert?

Der Kunstgeschmack wurde tiefer und verfeinert. Schließlich hat der Krieg gezeigt, dass es möglicherweise ein Morgen nicht geben wird.

Wenn du uns noch etwas auf den Weg geben möchtest, was wäre das? Hast du eine Bitte an unsere Leser?

Ja, ich male nämlich nicht nur Bilder im abstrakten Stil, meine erste Ausbildung war im Bereich Textilien, also Sticken und Modellieren von Kleidung. Deshalb würde ich auch sehr gerne hier eine Marke für Kleidung, Schmuck, Tattoos und Haushaltsgegenstände aufbauen. Daher suche ich hier jegliche Art von Unterstützung und Kontakte.

Wir danken für das Gespräch, Yana, und wünschen dir weiterhin viel Glück in Hamburg und natürlich, dass der Krieg in deiner Heimat bald ein Ende findet.

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