Jetzt online lesen: Ausgabe 04.2026

Wenn ich dich nicht hätte…
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Wenn ich dich nicht hätte…

von CityGlow

Dein lieblicher Laut reißt mich aus dem Schlaf. Ich taste nach dir, öffne die Augen und sehe dich an. Guten Morgen. Da bist du ja wieder. Gemeinsam starten wir in den Tag. Du immer an meiner Seite: ob bei der Kleiderwahl, beim Frühstückmachen oder auf Toilette. Niemand verbringt so viel Zeit mit mir, wie du. Niemanden sehe ich so oft an wie dich. Niemand kennt mich so gut wie du. Denn dir kann ich alle Fragen stellen, die mich bewegen. Auf meine geheimsten Sehnsüchte hast du immer eine Antwort. O Handy, was wäre mein Leben nur ohne dich?

Unser Smartphone ist zu einer Art Prothese geworden, die wir vom Aufwachen bis zum Zubettgehen mit uns herumtragen. Durchschnittlich 138 Minuten am Tag verwenden wir unser Handy. Das sind rund 14 Prozent der Zeit, die wir täglich wach sind.

Und während unser Blick aufs Handydisplay gerichtet ist, was sehen wir dabei alles nicht? Was entgeht uns? Knospen, die sich in unterschiedlicher Weise an den Zweigen bilden und den nahenden Frühling ankündigen. Die Hand des Partners, die unsere Hand greifen will, doch die ist schon beschäftigt. Das Kind, das den Blick von Mama und Papa sucht und bald resigniert aufgibt, weil die Eltern ihre Aufmerksamkeit anderweitig verteilen.

Dass der Anteil der Kinder, die an Autismus und ADHS erkranken jedes Jahr steigt, sollte uns aufhorchen lassen. Nicht nur Kinder lernen, dass es normal ist, nicht gesehen, nicht bemerkt zu werden. Auch Erwachsene spüren, das der menschliche Kontakt mit jeder Zunahme der Technik weiter schwindet.

So steigt ebenfalls jedes Jahr die Anzahl der Menschen, die sich einsam fühlen. Und das, obwohl wir heute so regelmäßigen und vielseitigen Kontakt zu Menschen haben, wie noch nie in der Menschheitsgeschichte. Doch irgendetwas scheint anders zu sein an der technischen Kommunikation.

Was ihr fehlt, sind die Sinne. Wir können lesen, wie es jemandem geht, doch wenn wir uns live und in 5 D gegenüberstehen, hören, sehen und empfinden wir, was „gut“ oder „schlecht“ bedeutet. Wir sehnen uns nach Nähe, nach Gemeinschaft, danach, tatsächlich gesehen zu werden.

Wenn ich durch die Straßen laufe, schaue ich die Menschen, die mir entgegenkommen direkt an. Kommt ein Blickkontakt zustande, der länger wärt als ein kurzes Huschen und schnelles wieder Wegschauen, lächle ich die Person an und nicke zum Gruß. Dann passiert etwas Interessantes: Die Person beginnt zu strahlen, nickt zurück. Hier, inmitten dieser Menschen, die alle in ihrer kleinen Welt leben, hat mich jemand gesehen.

Werden wir uns abends im Bett an die x-te Whats-App erinnern, die wir jemandem über Belangloses geschrieben haben oder an diesen kurzen Moment, an dem jemand unser Herz erwärmt hat. Was meinst du?

Der Weg raus aus Einsamkeit und Entwicklungsstörungen liegt in verstärktem Kontakt. Intensivem, menschlichem, analogem Kontakt. Dadurch können wir sowohl einander als auch uns selbst wieder näherkommen.

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