Wie der Florist David zur Drag-Queen Devina wird

Wie der Florist David zur Drag-Queen Devina wird

Michael Panusch

10. Januar 2023

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Das Scheinwerferlicht geht an, die Kostüme funkeln und das auffällige Make-up zieht die Blicke auf sich. So nehmen Drag-Queens ganz selbstverständlich den Raum und die Menschen für sich ein. Die Bundeszentrale für politische Bildung definiert Drag Queens als „Personen, denen bei Geburt das männliche Geschlecht zugewiesen wurde, und die u.a. im Rahmen von künstlerischen Performances Weiblichkeit(-en) darstellen beziehungweise parodieren.“

David ist in Hannovers Szene als Drag-Queen Devina bekannt und erklärt: „Drag-Queen sein ist für mich Kunst, die jeder machen darf, jeder betreten darf und jeder auch mal ausprobieren sollte.“ Er baue so seinen eigenen Charakter weiter aus. „Ich bin auch privat ziemlich sassy und habe eine große Schnauze, in Drag ist das dann noch ein bisschen extremer.“ Auf seinem Instagram Account @dragqueendevina nimmt er seine Follower*innen regelmäßig mit – vor und hinter die Bühne.

Gesellschaftliche Entwicklung macht sich bemerkbar

Das erste Mal kommt David mit Drag in Berührung, als er sich auf einer Geschlechtertauschparty als Frau verkleidet. Für Haare und Make-up hatte er sich schon immer begeistert. „Während meiner Arbeit in einem Cabaret habe ich dann einen Travestie-Künstler kennengelernt, der mich in Sachen Make-up eingeweiht hat“, erinnert sich David. Professionell geschminkt war der 34-Jährige das erste Mal auf dem Christopher Street Day in Braunschweig unterwegs. „Das ist jetzt 15 Jahre her und damals gab es noch nicht so viel Präsenz in Deutschland“, erzählt David. Ende der 2000er-Jahre gibt es zwar schon die ersten Schmink-Tutorials auf YouTube, aber das sei nichts im Vergleich zum heutigen Angebot. „Viele von denen, die heute Drag anfangen, wissen gar nicht, wie gut sie es haben“, meint David lachend. Schuhe zu finden, war für ihn damals der Horror. Für die Schuhgröße 46 gab es kaum High Heels und wenn, dann war das mit einem Haufen Geld verbunden. Heute kann man sich viel Material aus den USA importieren lassen. Dort gibt es spezielle Drag-Queen-Shops und -Schneider.

„Ich bin in einem sehr offenen Umfeld aufgewachsen“, erzählt David, der eine enge Beziehung zu seinen Eltern hat. „Meiner Familie und Freunden von dem Drag zu erzählen, war kein Problem.“ So wie David geht es nicht allen Drag-Queen-Darstellern. Viele verheimlichen ihrer Familie und ihrem Bekanntenkreis diese Seite an sich. Aber David meint bestimmt: „Ich würde niemandem erlauben, vor meinem persönlichen Glück zu stehen. Da muss ich knallhart aussortieren.“ Er habe auch als Drag-Queen noch nie einen Übergriff auf sich erlebt. „Aber das liegt vielleicht auch daran, dass ich 2,10m groß bin, wenn ich High Heels trage. Da traut sich niemand dran.“

Als Devina wird David noch frecher und spielt mit Klischees. „Diese Figur, die ich geschaffen habe, ist so Puff-Mutti ähnlich mit tiefem Ausschnitt, viel Bein und einem Funken Arroganz, aber dennoch edel“, sagt der gebürtige Hannoveraner. David und Devina lieben beide Hyperfeminisierung und vor allem die Farbe schwarz. Die Grundinspiration für Devina kommt von der Bösewichtin Cruella aus Disneys 101 Dalmatiner. Schon als Kind hatte David eine Affinität zu den Bösewichten. „Cruella ist einfach crazy und Bad Ass. Die scheißt auf alles, weil sie so selbstsicher ist“, kommt David ins Schwärmen. „Für mich ist Cruella der schlimmste Bösewicht, denn wer tötet schon Hundebabys?“. In Davids Herzen hat aber jedes Tier einen Platz.

„Devina braucht ebenfalls Raum in meinem Privatleben, auch wenn ich versuche, sie da herauszuhalten“, meint David. Beim Shoppen vernachlässigt sich der Darsteller oft als Privatperson, weil er dann Sachen findet, die er für einen Auftritt von Devina gebrauchen könnte. Um auch aus kleinem Budget Kostüme zu finanzieren, bringt David sich Nähen bei. „Ich nähe 95% meiner Kostüme selbst.“

Mit Spaß entspannter miteinander umgehen 

Devina wird meist als Walking Act für Party gebucht, um Berührungspunkte gerade mit jungen Leuten zu schaffen. Es wird gequatscht, für gute Stimmung gesorgt, und auch Fotos werden gemacht. Der Hintergedanke: So können Drag-Queens in der Öffentlichkeit unterwegs sein, ohne angemacht zu werden, weil viele Leute bereits auf Partys in Kontakt mit ihnen getreten sind. „Am Anfang meiner Karriere bin ich ehrenamtlich vor Bewohnerinnen von Frauenhäusern in externen Locations aufgetreten, um diese Frauen wieder zu bestärken“, erzählt David. Den Frauen wieder ein Lächeln ins Gesicht zu zaubern, bedeute ihm viel. Heutzutage ist David meist mit seinem Kompagnon Lory, der Drag-Queen-Tochter Devinas, unterwegs. „Aus dieser Mutter-Tochter-Beziehung hat sich eine Freundschaft entwickelt, mit der ich nicht gerechnet hätte“, meint David. „Wir supporten uns gegenseitig.“

Im Winter tritt David häufiger als Devina auf, denn im Sommer ist es meist zu heiß. „Wenn sich die Augenbraue anfängt von der Haut zu lösen und das Make-up bröckelig wird, ist das nicht mehr schön“, meint er lachend. Das Abschminken sei bei den 6 Schichten Make-up aber kein Problem, es koste nur reichlich Abschminktücher.

„Drag ist am Ende Kunst und Spaß, aber auch Business. Wir sollten uns nicht zu ernst nehmen, aber dabei Respekt haben“, sagt David. Er wünsche sich eine allgemeine Entspanntheit untereinander. „Wir sind Männer in Kleidern, mit einer Perücke auf dem Kopf und Gummi-Möpsen. Die Leute sollen sich mal entspannen.“

cityglow autor

Michael Panusch

Als leidenschaftlicher Storyteller und urbaner Enthusiast hat Michael Panusch schon immer den Finger am Puls der Stadt gehabt. Als treibende Kraft hinter dem Cityglow Magazine versucht er, die ungesehenen Ecken, die unerzählten Geschichten und die dynamische Atmosphäre von unseren Metropolen zu beleuchten. Mit seinem scharfen Blick für Details und seiner Vorliebe für die Avantgarde spiegeln Michaels Artikel nicht nur seine Liebe zu urbanen Landschaften wieder, sondern bieten auch eine neue Perspektive auf das Stadtleben.

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