Jetzt online lesen: Ausgabe 08.2025

„Was ich meinem jüngeren Ich sagen würde“ – Ein Brief aus dem Heute. Vom Mut, dem eigenen Bauch zu trauen 
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„Was ich meinem jüngeren Ich sagen würde“ – Ein Brief aus dem Heute. Vom Mut, dem eigenen Bauch zu trauen 

von CityGlow

Von Ann‑Kathrin Hellge 

Liebes jüngeres Ich, du sitzt da mit diesem winzigen Menschen auf der Brust, dein Kaffee ist kalt, dein Herz ist groß und dein Kopf voll von Ratschlägen. Manche klingen logisch, viele klingen laut. Und irgendwo darunter – leiser, aber unbeirrbar, liegt dein Bauchgefühl. 

Wenn ich dir aus dem Heute etwas schreiben könnte, dann wäre es dies: Vertrau deinem Bauchgefühl. Nicht blind, aber mutig, denn Ratgeber wechseln, Trends vergehen, Apps werden aktualisiert. Dein Bauchgefühl aber wächst mit deinem Kind und dir! 

An dich in den ersten Wochen: Zwischen Flüstern und Chor 

Du fragst dich, ob du alles „richtig“ machst. Ob du zu oft trägst. Ob du „verwöhnst“. Du hörst gut gemeinte Sätze aus deinem Umfeld, die doch so gar nicht zu eurer Situation und deiner Intuition passen mögen. 

Was ich dir sagen möchte: Der Chor meint es meist gut, jedoch kennt er euer ganz persönliches Lied nicht. Euer Takt entsteht aus Nähe, aus Blicken, aus eurem ganz individuellen Tempo. Halte dich an diese drei Fragen, bevor du einem Tipp von außen folgst: 

  1. Passt es zu unserem Kind? (Temperament, Bedürfnisse, Tagesform) 
  1. Passt es zu uns als Eltern? (Werte, Lebensrealität) 
  1. Passt es jetzt? (Alter, Phase, Energie) 

Wenn zwei von drei mit „Ja“ beantwortet sind, probiere es aus. Wenn nicht, darfst du jederzeit freundlich abwinken und bewusst Grenzen setzen. Diese Formulierungen helfen dir dabei und können dich schützen: 

  • „Danke für deinen Blick, aber wir machen es gerade anders. 
  •  Das ist ein spannender Ansatz, für uns fühlt sich XY stimmiger an. 
  • Wir melden uns gerne, wenn wir hier Input brauchen. 

An dich in den Kleinkind-Jahren: Grenzen setzen, ohne das Herz zu schließen 

Du wirst Momente haben, in denen dich die Kommentare mehr treffen als dir lieb ist. Auf dem Spielplatz, beim Kinderarzt, im Familienchat. Aus Liebe wird schnell eine To‑do‑Liste: „Du solltest…“, „Ihr müsstet…“. 

Bitte erinnere dich immer wieder: Wohlmeinend ist nicht automatisch passend. Dein Bauchgefühl ist kein spontaner Launen-Kompass. Es ist die Summe aus Wissen, Bindung, Erfahrung, Intuition und oft verdammt präzise. Mach dir deinen Dreiklang klar: Bauchgefühl + Basiswissen + Profis, wenn’s wichtig wird. Das heißt: Lies nach, wenn es dich beruhigt. Frag die Kinderärztin, wenn dich etwas beunruhigt. Dazwischen kannst du probieren, justieren, weitermachen. 

Ein Mini‑Ritual, das hilft: S.T.O.P. Stop – kurz innehalten. Tief atmen – einmal länger ausatmen als einatmen. Optionen sortieren – Was sind unsere zwei realistischen Wege? Probieren – für 7 Tage. Danach evaluiert ihr. 

Ein Blick aus dem Heute.  

Heute ist mein Sohn fünf. Ein Vorschulkind. Er schreibt seinen Namen in Großbuchstaben auf jede Frühstücksbox. Er fragt, ob „Drache“ mit D oder T anfängt, und warum der Mond manchmal „Löcher“ hat. Er fährt ohne Stützräder, aber nachts sucht er immer noch meine Hand. Vieles ist leichter: Schuhe gehen schneller, Gespräche tiefer, Wutanfälle seltener. Manches ist auch schwerer; Freundschaften werden wichtiger, Abschiede größer, Gefühle differenzierter. 

Neulich beim Abendessen: „Mama, heute habe ich ‚nein‘ gesagt, weil ich das nicht wollte. War das richtig?“ Ich spüre, wie das Thema „Grenzen setzen“ plötzlich groß wird. Mein Bauch sagt ganz laut: Ja. Ich bin stolz auf seinen Mut, auf sich zu hören, denn genau das erwarte ich auch von mir – im privaten Umfeld und im beruflichen Kontext.  

Der Unterschied zwischen guter Inspiration und Druck 

Inspiration fühlt sich leicht an: „Aha, das könnten wir probieren.“ Druck fühlt sich eng an: „Wir ssen das auch so machen.“ 

Du darfst Grenzen setzen – auch gegenüber Großeltern, Freund:innen, Internet-Kommentaren. Grenzen sind kein Urteil über die Meinung anderer, sondern ein Schutz für euch.  

Liebes jüngeres Ich: Du wirst nicht alles „richtig“ machen, aber du wirst echt sein. Echt schlägt perfekt, immer und jeden Tag. Dein Kind braucht keine perfekte Mama, sondern eine präsente und verbundene. Heute, mit einem fünfjährigen Vorschulkind, weiß ich: Vieles wird leichter. Schuhe, Schlaf, Struktur. Manches wird größer. Gefühle, Freundschaften, Fragen. Dein Bauch wächst mit und bleibt dein bester Guide. 

Vertraue ihm. Er kennt den Weg nach Hause. Immer!  

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