MEHR L(I)EBEN, Ausgabe #4
UBUNTU! Jetzt.
Über eine der radikalsten Formen von Liebe – und die Frage nach dem Kern in uns
Schon mal so richtig Mist gebaut? Vielleicht nicht im allerschlimmsten Sinn. Aber eben… Mist. Den man im wohlwollendsten Fall als „nicht in Ordnung” bezeichnen würde. Oder anders: nicht INNERHALB der geregelten Ordnung, in der sich eine Gemeinschaft für gewöhnlich mehr oder weniger harmonisch bewegt.
Wir wissen hierzulande ziemlich genau, was in so einem „Mist-Fall” folgt: Erst Anklage. Dann Urteil. Strafe. Manches Mal Ausschluss. Zack! Und das muss nicht mal über ein Gericht laufen – manche Familien, Teams und Gruppen kriegen das erschreckend ähnlich allein hin. Ganz offen. Oder still und subtil.
Die vermeintliche Logik dahinter hinterfragen wir kaum noch: Wer Schaden anrichtet, verdient harte Konsequenzen. Wer schuldig ist, wird bestraft. Wer aus dem Rahmen tanzt, fliegt raus.
Es liegt mir fern, schwere Verbrechen zu verharmlosen. Ohne schützendes Regelwerk funktioniert keine Gemeinschaft. Doch ich möchte einladen, einmal einen anderen als den uns so bekannten Blickwinkel einzunehmen.
Irgendwo in Afrika, ein Stammesritual der Bemba People – ich weiß nicht mehr, wo ich es das erste Mal gehört habe, doch es hat mich bis heute nicht losgelassen:
Wenn jemand in dieser Gemeinschaft etwas Unrechtes tut, wird er in die Mitte des Dorfes gestellt. Keine Anklage, kein Tribunal, keine Bestrafung. Stattdessen versammelt sich das ganze Dorf um diesen Missetäter – er steht in jeder Hinsicht im Mittelpunkt.
Und dann tritt jeder Dorfbewohner vor. Jede Frau. Jeder Mann. Die Jungen und die Alten. Und jeder erzählt dem Beschuldigten, was dieser Gutes getan hat. Jede Geste. Jede Freundlichkeit. Jede Stärke, die jemals an ihm wahrgenommen wurde. So lange, bis nichts mehr übrig ist – außer dem Bild eines Menschen, der seinen guten Kern vergessen hatte und durch sein Volk nun wieder daran erinnert wird.
Es heißt, dieses Ritual kann Tage dauern und endet mit einem Fest, in dem die Person in die Gemeinschaft zurückkehrt – nicht beschämt oder gebrochen. Sondern neu aufgerichtet. Ausgerichtet. Wiedererkannt als Teil der Gemeinschaft.
Was mich daran immens berührt, ist nicht unbedingt die Großzügigkeit oder Schönheit des Rituals. Sondern die Annahme dahinter:
Dass der gute Kern in diesem Menschen nicht weg ist.
Er wurde nur – vorübergehend – vergessen. Fehler gelten nicht als Beweis eines schlechten Charakters, sondern als Hilferuf. Die Antwort der Gemeinschaft darauf: an das Gute erinnern.
Diese Haltung hat sogar einen Namen. Die Zulu und Xhosa nennen sie Ubuntu. Übersetzt etwa: „Ich bin, weil wir sind. Meine Menschlichkeit existiert nicht ohne deine.”
Und Recherchen zeigen: kein Einzelfall auf diesem Planeten. Viele Kulturen kennen Versöhnungsrituale auf derselben Grundannahme – Schuld als Störung des sozialen Gefüges. Die Antwort darauf: nicht Ausschluss, sondern Reparatur. Nicht Strafe – sondern Rückverbindung.
Unsere westliche Logik fragt: Welche Bestrafung verdient diese Person? Eine solche Haltung fragt: Wie reparieren wir, was zerrissen ist?
Ein gigantischer Unterschied. Ein fundamental anderes Menschenbild.
Aber wie kann Ubuntu im Alltag gelebt werden? Vielleicht nicht mit derlei großen Ritualen – obwohl: Stell dir das Zeremoniell mal im Bundestag vor… da dreht der Projektor im Kopfkino Extrarunden.
Nein. Ubuntu beginnt im ganz Kleinen. In den unspektakulären Momenten.
Mir fällt eine Begegnung vor ein paar Tagen ein, fast vor meiner Haustür. Ein Mann in abgewetzter Kleidung hatte sich in eine Hofecke zurückgezogen – und ich ertappte ihn, wie er Crack konsumierte. Und konfrontierte ihn.
Da erzählte er, wie schwer es für ihn ist. Dass er schon vom Alkohol und anderen Drogen weggekommen sei. Aber dieses eine Ding lasse ihn nicht los und würde ihn fertig machen. Ich hörte die Stimme eines Menschen, der sich selbst gerade nicht mehr erkennt. Geschweige denn mag.
Was mich dazu brachte, weiß ich nicht. Doch ich fing an aufzuzählen. All das Gute, das er mir selbst erzählt hatte: Dass er trocken ist. Eine liebe Tochter hat. Sich
schon von anderen Substanzen befreit hatte. Dass er kämpft – nonstop, selbst jetzt, wo er gerade verlor.
Es kamen Widerspruch und Ausreden zurück. Er verurteilte sich aufs Schlimmste, schien wie ein Inbegriff menschlichen Elends… Und deshalb zählte ich es noch einmal auf. Und noch zwei weitere Male. Nicht als Trost. Sondern als Tatsachen.
Nichts schien wichtiger, als ihn genau DARAN zu erinnern – nicht mehr daran, dass er gerade auf einem Privatgelände seine Crackdosis zog.
Im Gehen – er wollte wohl schnell weg ;)) – drehte er sich noch einmal um: „Danke, dass Sie an mich glauben. Das bedeutet mehr, als Sie ahnen.”
Das hat mich erschüttert. Ich hatte ihm nichts Neues gesagt. Nur etwas zurückgegeben, das schon längst in ihm war. An das er selbst nicht mehr glauben konnte.
Ohne es bewusst zu wissen – genau das war Ubuntu. Keine Methode. Kein patentierbares dolles Tool. Sondern Teil unserer tiefsten Natur: die Fähigkeit, im anderen den guten Kern zu sehen und ihn daran zu erinnern. Gerade dann, wenn er ihn selbst nicht mehr sieht. Und das können wir jeden Tag tun. An jedem Ort. In jeder Nachbarschaft, Freundschaft, Familie, Ehe.
UBUNTU!
Erinner dich an das Gute in dir!
Und wenn du es gerade nicht schaffst – tu ich es für dich.
Tun wir es gemeinsam, bis du dich selbst wieder erinnerst.
Womit sich der Kreis schließt:
Ubuntu ist nichts anderes als Liebe. Zum Leben, zum Nächsten, zu sich selbst. Eine täglich neue Entscheidung. Und wenn Ubuntu das Gute in jedem Menschen in den Mittelpunkt rückt – dann inkludiert das auch dich. Deinen guten Kern. Der deine Bewusstheit genauso braucht. Deine Liebe.
Wann hast DU dich zuletzt dir selbst so gegenübergestellt wie die Bemba People dem Mann in der Dorfmitte? Und dir erzählt:
Was habe ich gut gemacht?
Was habe ich gegeben, auch wenn es niemand gesehen hat?
Was ist das Gute in und an mir – und kann ich es annehmen?
Nicht als Affirmation, die man morgens halbherzig nach dem Zähneputzen in den Spiegel blubbert. Sondern wirklich. Aufzählen. Konkret. Fühlen. Ohne Relativierung.
Wir sind oft die strengsten Richter über uns selbst – und die schlechtesten Zeugen für das Gute, das wir täglich tun und sofort wieder vergessen.
Dabei beginnt Lieben – und damit Ubuntu – innen. Von dir zu dir.
Wer sich selbst als „Fehler im System” sieht, erkennt auch im anderen kaum das Gute. Wer sich selbst nicht traut, vertraut anderen schwer. Umgekehrt aber entsteht etwas fast Magisches: Wer den guten Kern in sich erkennt, kann das auch für andere tun. Überall. Auch für einen Fremden.
Das ist keine Esoterik. Kein Psychologie-Blabla. Es ist die schlichteste, radikalste Form von Liebe, die es gibt – die, die es vorzieht, selbst im größten Mist einen unberührten guten Kern zu sehen und den Fokus genau dorthin zu richten. Eine Entscheidung, die wir alle immer wieder neu treffen können.
Was würdest du wohl entdecken, wenn du dir heute – grundehrlich, ohne Ironie – erzählst, was Gutes in dir steckt? Und es so lange wiederholst, bis auch die letzte Zelle in dir sich erinnert hat? An ALLES… Gute.
Nicht um dich zu beweihräuchern.
Sondern weil UBUNTU mit dir beginnt.
„Du bist und ich bin, weil wir sind.”
Herzlich
TaBea von LICHTAUF
FAQs – MEHR L(I)EBEN, Ausgabe #4: UBUNTU! Jetzt.
Worum geht es in dieser Ausgabe der Kolumne „MEHR L(I)EBEN“?
Im Mittelpunkt steht die Frage, wie wir mit Fehlern umgehen – bei anderen und bei uns selbst. Ausgehend von der Ubuntu-Philosophie aus dem südlichen Afrika erzählt TaBea von LICHTAUF von einer Haltung, die nicht zuerst fragt, wer schuldig ist, sondern wie Verbindung wieder entstehen kann. Es geht um den Gedanken, dass selbst hinter schwierigen Momenten ein guter Kern bestehen bleibt.
Was ist die zentrale Botschaft dieser Ausgabe?
Ubuntu erinnert daran: Menschen sind mehr als ihre schlechtesten Entscheidungen. Wirkliche Liebe zeigt sich nicht darin, Fehler zu ignorieren – sondern darin, das Gute im Menschen nicht aus dem Blick zu verlieren. Auch dann nicht, wenn dieser Mensch man selbst ist.
Was bedeutet Ubuntu?
Ubuntu ist eine Lebensphilosophie aus dem südlichen Afrika und wird häufig mit „Ich bin, weil wir sind“ übersetzt. Dahinter steht die Vorstellung, dass unsere Menschlichkeit nicht unabhängig voneinander existiert. Wir entstehen in Beziehung – und tragen Verantwortung füreinander.
Was bedeutet es, im anderen den „guten Kern“ zu sehen?
Den guten Kern zu sehen bedeutet nicht, Verhalten zu entschuldigen oder Grenzen aufzugeben. Es bedeutet, einen Menschen nicht vollständig mit seinem schwierigsten Moment gleichzusetzen. Ubuntu lädt dazu ein, hinter Fehlern auch den Menschen wahrzunehmen – und an Ressourcen, Würde und Entwicklungsmöglichkeiten zu erinnern.
Wie kann Ubuntu im Alltag gelebt werden?
Nicht unbedingt durch große Rituale – sondern in kleinen Begegnungen. Indem wir zuhören, statt vorschnell zu urteilen. Indem wir Menschen an ihre Stärken erinnern. Und indem wir auch mit uns selbst weniger hart umgehen. Ubuntu beginnt oft dort, wo jemand sagt: „Ich sehe mehr in dir als das, was gerade sichtbar ist.“
Warum beginnt Ubuntu bei uns selbst?
Weil wir oft die strengsten Richter über uns selbst sind. Wer sich ausschließlich über Fehler definiert, verliert leicht den Zugang zum eigenen Wert – und damit auch den liebevollen Blick auf andere. Sich selbst an das Gute zu erinnern, ist kein Egoismus, sondern die Grundlage echter Verbindung.
Wer schreibt die Kolumne?
TaBea von LICHTAUF ist Coach, Trainerin, Autorin und Gründerin von LICHTAUF go learn grow. Sie begleitet Menschen und Organisationen in den Bereichen Persönlichkeitsentwicklung, Resilienz, emotionale Stärke und bewusste (Selbst-)Führung – mit Liebe als rotem Faden und präzisem Blick auf das, was Menschen verbindet.
Welche Themen behandelt die Kolumne „MEHR L(I)EBEN“ insgesamt?
Jede Ausgabe beleuchtet eine andere Facette von Liebe – jenseits von Romantik und Klischees. Nach Erschöpfung als Ausdruck fehlender Verbindung, dem Thema Sehen und Gesehen-Werden, richtet diese Ausgabe den Blick auf Ubuntu: auf Gemeinschaft, Rückverbindung und die Frage, wie wir den guten Kern in uns und anderen wieder sichtbar machen.
Wo erscheint die Kolumne?
MEHR L(I)EBEN erscheint regelmäßig im CityGlow Magazin – print und online – und richtet sich an Menschen in Hannover, Niedersachsen und deutschlandweit, die sich für Bewusstsein, Kultur, echte Begegnung und moderne Lebensfragen interessieren.
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Foto: TaBea Rienas / CityGlow





